Extraherismus

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Die Ausdeutung amorpher Strukturen

Vita

 

„Unscharf konturierte, flüchtig wechselnde Wolkenfetzen am Himmel ermöglichen dem Spiel unserer Fantasie, in ihnen zu gleicher Zeit ein bestimmtes Tier oder die geografischen Konturen eines Landes oder eine menscheähnliche Fratze uind noch vieles mehr zu erkennen, während die mit fotografischer Treue wiedergegebene Reproduktion eines bestmmten Gegenstandes jede Vieldeutigkeit ausschließt.“

                                                                                                             (Werner W. Kemper)

 

„Bereits vor den Surrealisten befassten sich einzelne Künstler des 19. Jahrhunderts mit der Ausdeutung amorpher Strukturen, wobei diese Strukturen aus der Wirklichkeit über- nommen wurden wie Felsen, Dampf oder Wolken. Besonders das Zeitalter des Manierismus und des Barocks liebten das assoziative Spiel, wobei deren Spielwiese vor allem das Kunsthandwerk war, wie das Beispiel der pietra dura belegt, einer Inkrustation unterschiedlicher Steine, deren Strukturen für die Darstellung von Wolken, Wäldern, Wiesen und Feldern verwendet wurden. Gelegentlich wurden auch in Achate oder auf geschliffenen Marmorplatten, welche die Assoziation von Wasser nahe legten, mit Ölfarbe Schiffe gemalt.

Als inzwischen klassisches Beispiel für das assoziative Ausdeuten amorpher Strukturen dient ein Text von Leonardo da Vinci, der auf die hämische Bemerkung von Boticelli, für eine Landschaftsmalerei bräuchte man nur einen mit Farbe getränkten Schwamm auf die Leinwand werfen, folgendermaßen in seinem Traktat der Malerei schrieb:

Art und Weise, den Geist zu verschiedenerlei Erfindungen zu mehren und anzuregen

Ich werde nicht ermangeln, unter diesen Vorschriften eine neuerfundene Art des Schauens herzusetzen, die sich zwar klein und fast lächerlich ausnehmen mag, nichtsdestoweniger aber doch sehr brauchbar ist, den Geist zu verschiedenerlei Erfindungen zu wecken. Sie besteht darin, dass du auf manche Mauern hinsiehst, die mit allerlei Flecken bekleckst sind, oder auf Gestein von verschiedenem Gemisch. Hast du irgend eine Situation zu erfinden, so kannst du die Dinge erblicken, die diversen Landschaften gleich sehen, geschmückt mit Gebirgen, Flüssen, Felsen, Bäumen, großen Ebenen, Tal und Hügeln in mancherlei Art. Auch kannst du da allerlei Schlachten sehen, lebhafte Stellungen sonderbar fremdartiger Figuren, Gesichtsmienen, Trachten und unzählige Dinge, die du in vollkommene und gute Form bringen magst. Es tritt bei derlei Mauern und Gemisch das Ähnliche ein wie beim Klang der Glocken: da wirst du in den Schlägen jeden Namen und jedes Wort wiederfinden können, die du dir einbildest.

Achte diese meine Meinung nicht gering, in der ich dir rate, es möge dir nicht lästig erscheinen, manchmal stehen zu bleiben und auf die Mauerflecken hinzusehen oder in die Asche im Feuer, in die Wolken, oder in Schlamm und auf andere solche Stellen; du wirst, wenn du sie recht betrachtest, sehr wunderbare Erfindungen zu ihnen entdecken. Denn des Malers Geist wird zu (solchen) neuen Erfindungen (durch sie) aufgeregt, sei es in Kompositionen von Schlachten, von Tier und Menschen, oder auch zu verschiedenerlei Kompositionen von Landschaften und von ungeheuerlichen Dingen, wie Teufeln und dergleichen, die angetan sind, dir Ehre zu bringen. Durch verworrene und unbestimmte Dinge wird nämlich der Geist zu neuen Erfindungen wach. Sorge aber vorher, dass du alle die Gliedmaßen der Dinge , die du vorstellen willst, gut zu machen verstehst - so die Glieder der lebenden Wesen, wie auch die Gliedmaßen der Landschaft, nämlich die Steine, Bäume und dergleichen.

Was Leonardo da Vinci hier darlegt, dürfte wohl zu den frühesten Anleitungen für kreatives Verhalten zählen. Höchst interessant ist dabei der Vergleich mit dem Glockenläuten, macht er doch damit darauf aufmerksam, dass als Assoziation sich nur einstellen kann, was man als Bildvorstellung bereits in sich trägt. Die Schlussfolgerung lautet: Je mehr ästhetische Erfahrungen jemand besitzt, umso mehr Assoziationen können sich einstellen, bzw. umso reichhaltiger und komplexer sind die unbewussten Verknüpfungen der unterschiedlichen inneren Bilder.

Leonardo da Vinci verweist aber genauso nachdrücklich auf die Voraussetzungen des konvergenten Denkens, indem er feststellt, dass man zeichnen können muss:

 „Sorge aber vorher, dass du alle die Gliedmaßen der Dinge, die du dir vorstellst, gut zu machen verstehst,…“

Er hat die zwei wesentlichen Denkformen und auch die Struktur des kreativen Prozesses bereits erkannt: Das assoziative Ausdeuten von Zufallsstrukturen, also das divergente Denken, und die zielgerichtete Ausführung der Idee, das konvergente Denken, wozu handwerkliche und gestalterische Fähigkeiten vorausgesetzt werden müssen.“

                                                                                                        (Prof. Eberhard Brügel)

 

 

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