Janett Brown: Extraherismus – premiere einer besonderen art

„Die menschliche Hand bildet ihre Werke aus toter Materie genau nach den gleichen Formgesetzen, nach denen die Natur die ihrigen formt. Alles bildende Kunstschaffen des Menschen ist daher im letzen Grunde nichts anderes als Wettschaffen mit der Natur.“

Diese Aussage machte um 1900 der berühmte Kunsthistoriker Alois Riegl, der schon damals einen beständigen Wettbewerb der Kunst mit der Natur erkannte, aber nicht auf dem Gebiet der Nachahmung der Formen, sondern der Nachahmung der schaffenden Natur.

Eine solche schaffende Natur ist auch Janett Brown. Sie erschafft ihre eigenen Naturräume, Welten und kosmischen Konstellationen. Es sind innere Landschaften, Welten, die tagesform- und stimmungsabhängig sind - Reflexionen, die den Ideenkosmos der Künstlerin spiegeln.
Brown-Dwehus geht es um die Vernetzung von Ratio und Emotion, um ein Beobachten und Reflektieren der Außenwelt und parallel dazu ein Hineinhorchen in sich selbst. Letztlich geht es um eine „Synthese von äußerem Sehen und innerem Schauen“ wie es Paul Klee treffend in seinem Aufsatz „Wege des Naturstudiums“ formulierte.

Bei den meisten Arbeiten der Malerin zeigen sich seit 1995 zwei Arbeitsprozesse. Der erste ist sehr intuitiv, Farbe und Formen werden unbewusst gesetzt. Im zweiten Schritt nimmt sich die Künstlerin zurück. Sie schaut welche speziellen Farb- und Formkonstellationen entstanden sind und baut diese bewußt zu Figuren und Objekten oder individuellen Bewegungsströmen aus. Sie extrahiert die Essenz der Farbe und Form aus dem amorphen Farb- und Formgemisch und nennt dieses Vorgehen seit 2007 EXTRAHERISMUS. Janett Brown inspirieren neben den manchmal dramatisch inszenierten Wolkengebilden in ihrem Ammerländer Atelier in Bad Zwischenahn vor allem Farbkaskaden auf ihrer Leinwand. Sie erklärt: „Dann ziehe ich das anfangs Verborgene heraus… Ich verewige meinen Augenblick.“  Sie hält die dahin fließenden Formen auf, greift sich aus dem Meer der Möglichkeiten einige heraus und inszeniert sie.

Sie agiert wie viele Künstler, die amorphe Strukturen als Ideenkatalysator nehmen und damit dem jahrhundertealten Ratschlag Leonardo da Vincis folgen, der da lautet:

„Eine neuerfundene Form des Schauens mag wohl klein und fast lächerlich erscheinen, ist aber doch sehr brauchbar um den Geist zu verschiedenerlei Erfindungen zu wecken. Sie besteht darin, dass du auf alte Mauern hinsiehst, die mit allerlei Flecken bedeckt sind, oder auf Gestein von verschiedenen Lagen. Hast du irgendeinen Vorgang zu erfinden, so kannst du da Dinge erblicken, die verschiedenen Landschaften gleich sehen,… ebenso allerlei Schlachten… und unzählige Dinge, die du in vollkommne und gute Form bringen magst… Durch verworrene Dinge und unbestimmte Dinge wird eben der Geist zu neuen Erfindungen geweckt… dasselbe gilt von der Asche im Feuer, von den Wolken oder vom Schlamm und andern solchen Stellen.“

In dieser Ausstellung gibt Janett Brown-Dewhus einen Einblick in ihr mehrjähriges Schaffen als Malerin. 1998 entwirft sie monochrome Bilder in Grün, Blau, Schwarz und Braun. Hierbei testet Brown-Dwehus  die Grenze von Farbe an sich aus. Mit der Zeit werden die Farbexperimente kühner und farbenfroher. Die Künstlerin setzt nicht nur den Pinsel ein, sondern beginnt mit Schwämmen, Fensterabzieher, Spachtel und ihren Fingern zu experimentieren. Die abstrakten Farbschöpfungen erhalten somit starke Strukturen.

Mit expressivem Gespür erkundet sie das menschliche Dasein. Sie interessiert die Abgründe der Seele und die Polaritäten des Lebens. Die Lebensgeschichte der Künstlerin, ihre Emotionen und Träume finden vielfach Verarbeitung in ihren Bildern. Collageartig finden sich Gesichter, neben Tierkörpern, oft verwoben mit Symbolen und Zeichen wie in WeisheitIllumination oder Zeitenwende. Hier scheinen ganze Geschichten parallel erzählt zu werden. Die Erzählstränge laufen auf unterschiedlichen Ebenen ab, scheinen sich zu verknüpfen, fließen aber wieder auseinander. Der Betrachter ist eingeladen zu entdecken: Gesichter, Menschen, Schicksale. Assoziationen werden geknüpft und die Bilder erhalten für jeden Betrachter eine andere Bedeutung.

Adam and Eve I und II zeigen den Fluss des Lebens, in und an dem sich Liebende aufhalten. Während in Adam and Eve I der Mann im Schlangenfluss mit dem Apfel in der Hand als Zeichen der Sünde zu versinken droht, ist in Adam and Eve II der Mann wieder Herr der Lage und Mann und Frau streben aufeinander zu. Opera zeigt eine Bühnensituation mit gespenstig wirkenden Akteuren. Überlenkte, überzeichnete Figuren dominieren das Bildgeschehen. Janett Brown inszeniert immer wieder alptraumartige Szenarien, in denen der Mensch sich zurechtfinden muss, der Akteur wie der Betrachter.

Neuerdings ist die Politik in den Fokus der Künstlerin gerückt wie die Gemälde Brasilia, Liberia oder Germania dokumentieren, die einer Serie angehören.  In Germania schwebt über dem blutroten Reichstagsgebäude zum Erstaunen der nackten Germania ein schwacher Halbmond. Engelsgestalten und eine Figur eines deutschen Gelehrten sind ihre Begleiter. Sie scheinen sich zu fragen: „Quo vadis Germania?“

Die Arbeiten der Künstlerin sind Denkanstöße, lassen vieles in der Schwebe wie ihre Gesichter und Gestalten, die sich entweder erst gerade zu entwickeln scheinen oder wieder am Vergehen sind.
Janett Brown Werk besticht durch eine große Ausdruckskraft und ist zugleich ein stetes Ringen um Farbe und Form - Mal ein farbiges Feuerwerk und Mal eine kühne Reduktion auf das Wesentliche. Die Künstlerin zeigt in ihren Arbeiten das ständige Bedürfnis des Menschen, den Sinn in einer scheinbar chaotischen Welt zu finden und den eigenen Platz darin zu definieren – ein schier endloser Prozess wie die Bilder dokumentieren. Zum Schluss bleibt mir nur wie der Kunstkritiker Erikson in Gottfried Kellers „Der grüne Heinrich“ der Künstlerin zuzurufen:

„Und diese Verknotungen, aus denen du dich auf so treffliche Weise gezogen hast, sind sie nicht der triumphierende Beweis, wie Logik und Kunstmäßigkeit erst im Wesenlosen recht ihre Siege feiern, im Nichts sich Leidenschaften und Verfinsterungen gebären und sie glänzend überwinden? Aus Nichts hat Gott die Welt geschaffen! Sie ist ein kranker Abszeß dieses Nichts, ein Abfall Gottes von sich selbst. Das Schöne, das Poetische, das Göttliche besteht darin, daß wir uns aus diesem materiellen Geschwür wieder ins Nichts zurückabstrahieren, nur dies kann eine Kunst sein!“.

Dr. Christiane Braun, Kunsthistorikerin

April 2008